1.
Ich bin unterwegs. Irgendwo in einer Stadt. Einer schönen Stadt. Gross genug, um interessant zu sein, sprich, sie hat genügend verschiedene Bewohner. Man merkt, dass es eine lebendige Stadt ist. Man kann die Weite der Stadt in den Augenwinkeln wahrnehmen und es ist ein leichtes Pulsieren spürbar.
Ich bin unterwegs, zu einer Frau, in die ich mich verliebt habe. Ich möchte Sie treffen, heute Nachmittag. Es ist sonnig und warm. Ich weiss nicht genau, ob sie das gleiche fühlt, doch bin ich einigermassen sicher, dass da auch bei ihr etwas ist. Da zieht sich etwas wie eine Linie, wie ein Band durch diese Stadt. Etwas, das uns die Möglichkeit geben könnte, uns zu verbinden, daran festzuhalten - Halt zu finden.
Ich bin an einem Bahnhof. Eigentlich nur eine kleine Station, an der sich zwei-drei Züge kreuzen. Zunächst habe ich vor, einen bestimmten Zug zum Treffpunkt zu nehmen. In einem schönen, alten Stadtteil. Doch dann entscheide ich mich für eine andere Linie, die jedoch zum gleichen Ziel führt.
Auf dem Bahnsteig treffe ich auf zwei Frauen. Zwei Freundinnen. Sie sind unterwegs, wie ich, haben das gleiche Ziel, verfolgen jedoch einen anderen Zweck. Es ist nur eine Station bis zu unserem Treffpunkt und ich bin früh dran. Einiges zu früh, da ich nicht zu spät kommen möchte.
Ich komme ins Gespräch mit den beiden und wir schliessen uns zusammen. Sie kümmert’s nicht, dass ich nur wenig Zeit vor meinem Treffen habe, und ich denk' mir nichts dabei. Wir gehen in eine Art Ausstellung in einem Haus das zugleich Shop und Museum zu sein scheint.
Wir sind im zweiten Stock. Bücherregale und andere Dinge die zum Thema Buch passen. Ein paar Tische und Bilder an blauen Wänden. Das Licht dringt etwas diffus durch blinde Fenster in der Decke. Wir diskutieren über ein Thema - streiten sogar ein bisschen, doch nicht ernsthaft. Wir kennen uns ja kaum.
Schliesslich gehen wir weiter, einen Stock tiefer, über eine dunkle Treppe, welche die beiden Stockwerke verbindet. Wir finden uns in einem alten aber grossen Verkaufsraum wieder. Alles ist in dunklem Holz gehalten. Es gibt Schaukästen und Regale, die mit Messing eingefasst sind. Darin: Model-Motorräder. In verschiedensten Grössen und Materialien. Detailgetreu aus Metall, oder auch etwas einfacher aus gegossenem, und angemaltem Plastik - in ähnlichen Formen gemacht, in denen man früher Zinnsoldaten gegossen hat. Flach, mit einem kleinen Rand an der Stelle, an dem die beiden Formhälften zusammenkommen.
Unser Interesse für Motorräder ist nicht besonders gross und so verlassen wir den Laden durch eine Tür, die uns auf die Strasse führt. Eine kleine Strasse ohne Verkehr, nur Fussgänger. Fasst schon eine Gasse. Altes Kopfsteinpflaster, dass zwischen Sandsteinhäusern gemächlich die etwas abschüssige Strasse hinabfliesst. Ich fühle mich wie in einer dieser alten Städte in Süddeutschland, wobei mich das Licht eher an die Gassen der Altstadt von Barcelona erinnert.
Ich dränge nun etwas, da ich weiss, dass die Zeit gekommen ist, um zum Treffpunkt zu gehen. Ich bin sogar schon etwas spät. Wie immer in solchen Situationen, greife ich zu meinem Mobiltelefon und schicke eine SMS, in der ich mein sehr baldiges Eintreffen ankündige. Eine der Frauen fragt, ob ich sicher sei, dass meine SMS auch bei meiner Verabredung ankommen würde. Warum weiss ich nicht, und es kümmert mich auch wenig, da ich sie - als wir die Strasse heraufkommen - schon sehen kann.
Sie wartet an der Stelle an welcher unsere zwei Strassen zusammenkommen. Sie blickt jedoch in eine andere Richtung. Die Querstrasse hinauf. Sie hat ihr blondes Haar hochgesteckt und eine Tasche um die Schultern geworfen. Schwarze Hosen und ein rötliches Oberteil. Sie scheint etwas nervös, wippt auf den Zehenspitzen auf und ab und versucht mich in der Menge zu erkennen. Ich muss lächeln.
Die beiden Frauen verabschieden sich flüchtig und sind schon bald im Menschengetümmel verschwunden.
2.
Ich laufe auf einem Sportplatz entlang Richtung 'oberes Ende', um die Fläche zu verlassen. Es ist Abend geworden. Die Flutlichter sind aus, auch wenn noch immer ein paar Leute am Spielfeldrand stehen und sich unterhalten. Ich bin auf dem Land. In meinem alten, kleinen Heimatdorf. Es scheint wie früher, doch kann man spüren, dass die Welt näher gerückt ist. Wir sind in der Zukunft, und es fühlt sich an, als ob eine grosse Metropolis hinter den sanften Hügeln ihr fahles, indirektes Licht herüber werfen würde - doch man sieht nichts. Man spürt es nur.
Raumfahrten sind möglich in dieser Zeit. Nicht die aufwendigen, unbequemen Reisen, die nur von Spezialisten und Mutimillionären unternommen werden konnten. Es sind grössere Schiffe. Technologisch fortgeschritten, die weite Reisen in einem bequemem Umfeld möglich machen. Nicht nur die irdische Welt ist näher an dieses kleine Dorf herangerückt. Der ganze Kosmos scheint nah. Man möchte die Hand ausstrecken und ist sicher danach ein bisschen vom berühmte Sternenstaub in der Hand zu halten.
Ich erreiche das Ende des Platzes und finde mich bald auf dem kleinen Vorplatz des früheren Rat- und Gemeindehauses wider. Mi Hwa und ihre Tochter halten mich etwas auf Trab. Die Kleine trägt eine Art Weihnachtsmann, oder Gnom-Kostüm. Am spitzen Ende ihrer Mütze ist eine lange Schnur, die sich verheddert hat. Ich versuche sie zu entwirren, doch Boun-chan hat keine Geduld. Sie ist ca 5 Jahre alt und streckt ihre Hand nach der Mütze aus, mit der ich noch immer beschäftigt bin. Mi Hwa lacht wie immer in solchen Situationen. Schliesslich schaffe ich es, und gebe ihr die Mütze zurück.
Dann wende ich mich meiner Frau zu. Es ist die blonde Frau aus der Altstadt. Doch wir sind mittlerweile Eltern. Haben zwei Jungs; acht und sechs Jahre alt. Sie tragen T-Shirts und Shorts. Meine Frau ist schön, doch nicht glücklich. Man sieht es ihrem Gesicht an und es liegt eine Schwere in der Luft. Ein Gefühl von Blei. Man möchte in die Knie gehen, ob des Gewichts des Unausgesprochenen, das unaussprechbar bleibt - zumindest in der Öffentlichkeit. Ein weiterer Mann ist auch da. Ein guter Freund der Familie.
Es ist Zeit nach Hause zu gehen, und das Abendessen vorzubereiten. Wir wohnen im früheren Haus meines Onkels, so dass es nur ein paar Meter sind. Wir verabschieden uns von den Umstehenden. - Doch dann muss ich mich plötzlich wieder losreissen. Kann nicht mit hoch ins Haus. Muss zurück auf die halbdunkle, weite Fläche des Sportplatzes.
Die Jungs laufen mir nach, lassen meine Frau zurück, die nach oben ins Haus geht. Ich lasse es zu, dass die Jungs mitkommen. Es tut mir irgendwie gut. Ich denke bei mir, dass sie meine Gedanken und Gefühle nicht verstehen können. Sie scheinen noch so jung.
Ich laufe den Rasen entlang und sehe eine grosse getigerte Katze. Eines dieser Tiere, die wir aus dem Weltraum mitgebracht haben. Ein grosses aber friedliches Tier. Etwa vier mal so gross wie eine normale Katze und hochintelligent. Diese hier hat die Angewohnheit, sich mit der Schwanzspitze an einem bestimmten Punkt am Rücken zu kratzen, ohne hinzusehen. Sie steht bei den Leuten am Spielfeldrand und hört zu - oder kommentiert? Wer weiss.
Ich gehe weiter. Die Jungs neben mir und vor mir. Mein ältester blickt herüber und flüstert etwas. Wir können uns verstehen, trotz der Distanz. Auch mein jüngster, der noch weiter voraus läuft kann uns verstehen und ist in Kontakt. Unser Gehör ist seit einer Weltraumreise unerklärbar besser geworden, so dass wir einander nur noch zuflüstern brauchen. Allerdings stören uns normalen Geräusche und Gespräche nicht.
Wir sind in einem Turm, der zwischen dem Sportplatz und einem Schwimmbad steht, welches an den Platz grenzt. Seine Funktion kenne ich nicht, doch man kann etwa 20 Meter hinauf und dann herunterschaun. Er ist ganz einfach gehalten. Ein kleiner Koloss aus rostigem, rundem Stahl, mit ein paar rechteckigen Aussparungen, zu denen man hinausblicken kann.
Wir sitzen im obersten Stock auf dem Boden in einem kleinen Kreis. Still. Es herrscht eine Nähe zwischen mir und meinen Jungs, die ich sehr geniesse. Seit der Raumreise, ist sie besonders gross geworden.
Ich bin bitter. Bitter und verstört. Es ist mir unbegreiflich wie so etwas passieren konnte. Wie sie mir so etwas antun konnte. Dieses Gefühl steigt in mir hoch, als würde sich Wasser im Turm nach oben pressen. Unaufhaltsam. Sie hat mich mit dem Freund der Familie betrogen. Ich weiss es. Sie hat es mir gesagt.
Wir sitzen still da, die Jungs um mich herum. Von hier aus kann ich sie fast sehen. Ich sehe das Haus und das Licht in der Küche, in der sie gerade das Abendessen zubereitet. Es herrscht gespannte Ruhe. Hier im Turm, und auch zwischen ihr und mir. Die Fakten liegen auf dem Tisch, die Konsequenzen allerdings sind noch nicht klar. Die Jungs wissen, dass etwas los ist. Nur die emotionale Dimension begreifen sie nicht. Dazu scheinen sie noch zu jung.
Doch dann sagt mein ältester: "Weisst du, in letzter Zeit war sie sehr einsam. Du warst ja nie da". Und ich füge in meinem Kopf hinzu: "...für sie". Tränen schiessen mir in die Augen und trotzdem sehe ich klarer als je zuvor. Diese einfachen Worte meines Sohnes. Ich möchte mir mit der flachen Hand vor den Kopf schlagen. Natürlich! Was sitz' ich hier und spiel den gekränkten. Ich habe sie gekränkt. Nein. Ich habe sie verlassen. Vor langer Zeit schon, obwohl wir im selben Haus, in der selben Familie leben.
Ich war nie da. Auch wenn ich da war. Ständig das Forschungsprojekt im Kopf. Die nächsten Schritte planend. Die Sitzungen im Geiste durchgehend. Das Ziel im Blick - anstatt sie, anstatt uns. Gab es Signale von ihrer Seite? Ich wüsste es nicht einmal. Es scheint, als ob ich keinerlei Erinnerung an Details der letzten Jahre unseres Familienlebens habe. Nur einen Quasi-Status: Die Familie nahm ich als gegeben hin. Sie war einfach da. Doch mit der Zeit hatte sich alles verändert, weil ich mich verändert hatte. Weil ich nicht ansprechbar, nicht da war.
Ich springe auf die Beine. Die Blicke meiner Jungs folgen mir. Ich weiss nicht wie lange wir dort gesessen hatten. Ich weiss nur: Ich muss sofort 'zurück'. Zurück zum Haus, zurück zu meiner Familie, zurück zu IHR.
Ich haste die Stahltreppe hinunter, die Jungs in einigem Abstand hinter mir. Ich blicke kurz nach oben, und rufe ihnen zu, dass sie beim überqueren der Strasse aufpassen sollen. Ich weiss ich werde, ja, muss, viel eher zuhause sein als sie.
Ich renne aus dem Turm und über den Sportplatz. Ich renne so schnell ich kann. Als wollte ich in der Zeit zurück rennen. Beim rennen sehe ich das Licht in der Küche. Ich erreiche das Ende des Platzes, laufe über die Strasse und den Weg hinauf zum Haus. Durch die Garage hinein, die Treppe hinauf, den Flur entlang. Licht dringt aus der Küche. Da fällt mir auf: Es ist ganz still im Haus....zu still?
Saturday, 18 July 2009
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